SUJET BACCALAUREAT 1

SERIE LV1

 

 

Text A - Rom

 

Der Erzähler war als Kind aufgrund eines Traumas stumm und hat erst mit sieben Jahren angefangen zu sprechen.

 

Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich auf den Augenblick gefreut habe, von meinen Jugendjahren in dieser Stadt erzählen zu können! Innerlich spürte ich beim Nachdenken über mein Leben immer, dass alles auf diese Jahre in Rom zulief und dass sie die wichtigste Zeit meines Lebens waren.

Woher damals der erste Impuls kam, hierher zu reisen? Zunächst handelte es sich nur um eine unbestimmte Idee und den ebenfalls seit Langem bestehenden Wunsch, auch einmal ins Ausland und vor allem nach Italien zu reisen.

In meinen gesamten Ferienzeiten während der letzten Gymnasialjahre war ich nämlich nie ins Ausland gefahren, sondern hatte viele deutsche Landschaften meist zu Fuß oder mit dem Fahrrad durchstreift.

All diese Reisen und Unternehmungen aber hatten auf die Dauer immer mehr die Sehnsucht verstärkt, den deutschsprachigen Raum endlich einmal zu verlassen. Die Hauptursache dafür, dass ich das nicht tat, bestand in meiner geradezu abnormen und mir nicht auszuredenden Angst davor, im Ausland Tag und Nacht eine fremde Sprache sprechen zu müssen.

Ich sehe mich jetzt, wie ich zwei Tage nach dem endlich bestandenen Abitur auf der Stazione Termini in Rom ankomme. Es ist meine erste römische Nacht, und ich werde das wenige Geld, das ich bei mir habe, nicht für eine Übernachtung ausgeben, nein, ich werde meine erste römische Nacht im Freien verbringen.

Ich stehe jetzt draußen im Freien, es ist kurz nach zweiundzwanzig Uhr. Ich atme durch, ich bleibe stehen und schaue. Ich gehe ein paar Schritte, spüre aber, dass mich etwas davon abhält, immer weiterzugehen. Ich habe es nicht eilig, ich habe Zeit, mich hier in der Nähe des Bahnhofs auf eine Bank zu setzen und nichts anderes zu tun als zu schauen.

Ich sitze und bin ganz ruhig, es ist seltsam, aber ich habe nicht das Gefühl, an einem fremden Ort angekommen zu sein. Woher kommt das? Warum fühle ich mich nicht fremd? Irgendetwas ist seit meiner Ankunft geschehen, aber ich verstehe nicht, was es ist. Ich fühle mich leicht, unbeschwert. Ich bin fort, ich lebe nicht mehr in dem Land, in dem ich so viel Angst ausgestanden habe, ich bin fort.

Als sich diese drei Worte immer wieder in meinem Kopf wiederholen, verstehe ich plötzlich, was seit meiner Ankunft in Rom geschehen ist. Ich fühle mich frei. Die Ankunft in Rom ist verbunden mit dem Gefühl einer einzigen, großen Befreiung. Man lässt mich in Ruhe, zum ersten Mal in meinem Leben lässt man mich ganz und gar in Ruhe. [...]

Ich bin gerade unten auf dem Marktplatz angekommen, wo viele Stände aufgebaut sind. Moment! Was habe ich da gerade gedacht? Ich werde in dieser Stadt ein guter Pianist werden! Und was heißt das? Das heißt, das hier ist keine Ferienreise, sondern ich werde hier in Rom mein Studium beginnen, natürlich, das ist jetzt bereits klar. Ich werde diese Stadt nicht wieder verlassen, auf keinen Fall. Ich gehe hier nicht mehr weg, denn ich bin genau an dem Ort und in der Stadt angekommen, wo ich nun hingehöre. Jetzt habe ich einen Plan, ein Projekt, eine Zukunft.

Hanns-Joseph ORTHEIL

Die Erfindung des Lebens, btb-Verlag, 2011

Text B

 

Ein paar Jahre später

 

Ich habe jetzt den jungen Mann, der ich damals war, genau vor Augen, den jungen Mann, der sich in Rom ein neues Leben geschaffen hat. Er ist in Clara verliebt, hat in dem Haus, in dem er wohnt, viele Freunde und kennt in Rom von Tag zu Tag immer mehr Menschen, die er regelmäßig trifft und mit denen er sich sogar oft längere Zeit unterhält.

Sein römisches Leben ist mit dem Leben, das er zuvor in Deutschland geführt hat, nicht mehr zu vergleichen, es ist ein Leben, wie er es sich immer gewünscht hat. Das Schönste aber ist, dass niemand, dem er begegnet, ihn auf sein früheres Leben anspricht oder von diesem früheren Leben etwas ahnt, natürlich spricht er selbst auch niemals davon, um keinen Preis will er noch an seine einsamen Streifzüge durch die deutschen Städte und Landschaften erinnert werden.

In Rom aber ist es unmöglich, einsam zu sein, denn selbst wenn er einige Stunden allein in der Stadt ist, hat er das Gefühl, mit allen Menschen und Dingen um ihn herum in einem direkten Austausch, ja sogar in einem engen Kontakt zu stehen. Er spürt diesen Kontakt physisch, wie eine innere und äußere Wärme, ein Vertrauen, nie empfindet er auch nur den Haucheiner Bedrohung oder einer Gefahr, die Ewige Stadt ist so sehr sein ureigenes Terrain, dass er sich schon bald nicht mehr vorstellen kann, noch einmal in einer anderen Stadt zu leben.

Das einzige Problem, das er in dieser Zeit überhaupt hat, besteht darin, sein neues Leben den Eltern begreiflich zu machen.

 

Hanns-Josef ORTHEIL: Die Erfindung des Lebens, btb-Verlag, 2011

 

 

ÉTUDE DE TEXTE  (14 points)

 

  1. Text A:

Schreiben Sie die richtige Antwort ab!

 

  1. Bei seiner Ankunft in Rom ist der Erzähler
    1. Schüler.
    2. Abiturient.
    3. Student.

     

  2. Seine erste Nacht in Rom verbringt der Erzähler
    1. im Bahnhof.
    2. in einer Jugendherberge.
    3. auf der Straße.

     

  3. Der Erzähler fühlt sich in Rom sofort
    1. gut.
    2. ängstlich.
    3. unwohl.

     

 

  1. Text B:

Welcher Titel passt am besten zum Text? Schreiben Sie die richtige Antwort ab!

 

  1. Rom: eine gefährliche Stadt
  2. Sehnsucht nach Deutschland
  3. Italien: die neue Heimat

 

 

  1. Richtig oder falsch? Rechtfertigen Sie Ihre Antwort mit einem Zitat aus dem Text A oder B:

 

Beispiel: 0)  Die Freundin des Erzählers heißt Clara.

Richtig - Zeile 41: „Er ist in Clara verliebt“.

 

  1. Der Erzähler ist oft durch Deutschland gereist.
  2. Er konnte sich lange nicht vorstellen, sich täglich in einer anderen Sprache zu äußern.
  3. Er wollte nie ins Ausland reisen.
  1. Er hat die Absicht, in Rom eine Arbeit zu finden.
  2. In Rom hat der Erzähler überhaupt keine Freunde.
  3. Er findet es schade, dass sich niemand für seine Vergangenheit in Deutschland interessiert.

 

 

  1. Welche Gefühle empfindet der Erzähler bei seiner Ankunft in Rom? Beantworten Sie diese Frage!  (40 Wörter)

 

 

 

 

 

 

 

  1. Im Text B, Z. 57-58, steht: „Das einzige Problem, das er in dieser Zeit überhaupt hat, besteht darin, sein neues Leben den Eltern begreiflich zu machen.“

 

Der Erzähler schreibt seinen Eltern einen Brief, in dem er dieses neue Leben beschreibt.

Schreiben Sie diesen Brief!  (120 Wörter)

 

 

  1. Behandeln Sie eines der folgenden Themen! (mindestens 130 Wörter)

 

  1. Können Sie verstehen, dass man Angst haben kann, im Ausland Tag und Nacht eine fremde Sprache verstehen und sprechen zu müssen?

Argumentieren Sie mit Elementen aus Ihrer eigenen Erfahrung!

 

ODER

 

  1. Ein anderes Land, ein neues Leben? Was halten Sie davon?

Begründen Sie Ihren Standpunkt!

 

 

 

TRADUCTION  (6 points)

 

 

Übersetzen Sie von Zeile 44 („Sein römisches Leben...“) bis Zeile 49 („… erinnert werden“) ins Französische!